Ausstellungseröffnung: Auf Linie gebracht

Foto: Horst BathonFoto: Horst BathonAm 19. Juni 2016 um 11.00 Uhr wurde im Museum Roßdorf die neue Ausstellung der Fekete-Stiftung „Auf Linie gebracht – Vier Lichtenberg-Preisträger stellen aus“ eröffnet. Der Fekete-Beirat konnte wieder über 50 Kunstinteressierte begrüßen. Zu sehen sind ausgewählte Werke der vier Lichtenberg-Preisträger Esteban Fekete, Leo Leonhard, Martin Konietschke und Kurt Wilhelm Hofmann. Esteban Fekete war 1979 der Erste, der mit dem Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis für Bildende Kunst des Landkreises Darmstadt-Dieburg ausgezeichnet wurde. Inzwischen wurde dieser Preis fünfzehn Mal verliehen.

Der Stifter des Preises ist der Landkreis Darmstadt-Dieburg, deshalb haben wir uns sehr über den Besuch unseres Landrates Klaus Peter Schellhaas gefreut. In seinem Grußwort sagte er u.a., Menschen wie Fekete, Leonhard, Konietschke und Hofmann brächten Gefühle, Augenblicke und vieles mehr zu Papier und das ist etwas Wunderbares, dass Menschen das können. Ohne bildende Kunst wäre unsere Gesellschaft mit Sicherheit ärmer, so Schellhaas.

In seiner ausführlichen und wie immer überzeugenden Eröffnungsrede sagte Dr. Roland Held: Von dem, was eine Zeichnung sein kann, gibt es völlig unterschiedliche Auffassungen, d.h. völlig unterschiedliche Realisierungen in der künstlerischen Praxis, zwischen den Polen sparsam-umreißend-spontan, wie vertreten von Esteban Fekete. Diesem unserem Stiftungsgeber haben wir drei andere Träger des Lichtenberg-Preises zur Seite gestellt. Das Auswahlkriterium für die drei ausstellenden Künstler war diesmal ein enger Bezug zur Zeichnung. Daraus wiederum ergab sich ein ganzes Spektrum der unterschiedlichen Auffassung davon, was mit Fug und Recht den Namen Zeichnung beanspruchen kann.
Gemeinsam ist allen Varianten, egal welches Werkzeug oder welches Temperament sich darin äußert, dass das kleinste Bauelement man möchte fast sagen „Atom einer Zeichnung“ die direkte Spur ihres Urhebers ist, ob wir sie nun Strich nennen, Geste, Zug oder Linie. Wobei jeder der vier Begriffe anders besetzt ist. Linie zum Beispiel mit der Assoziation hoher ästhetischer Wohlklang. Von Leo Leonhard ist des öfteren gesagt worden, die Begabung der Linie sei ihm bereits in die Wiege gelegt worden. Sein großes querformatiges Blatt „Rosettas Abschiedstanz“, eine freie Bilderfindung zu Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“, bestätigt das mustergültig. Ein weiteres Beispiel dafür wie Leonhard sich von Lektüre inspirieren oder von kunsthistorischen Debatten entzünden ließ, lässt seine Hommage an den Dichter Ezra Pound erkennen.
Kurt Wilhelm Hoffmann‘s Zeichnung ist in vieler Hinsicht konträr zur Leonhard’schen. Nicht nur, dass seine Darstellungen insular die Mitte der weißen Papierfläche besetzender Naturobjekte gar nichts Erzählerisches haben. Massig, brütend, konzentriert in einem Tonspektrum von hier und da aufgelockertem Mittelgrau zu ziemlich sattem Dunkelgrau speziell die Serie der Nester kaum je einer einzelnen Linie Auslauf, als handele es sich um schwarze Löcher im Weltraum, die alle Materie um sich herum in sich schlingen und dadurch nur potenter werden. Ob Nest oder Angelköder oder Kamm – entstanden sind sie aus Akkumulationen von Strichen, einer nach dem anderen, einer über den anderen, mit Bleistiften Härtegrade 2B bis 4B.

Mit Martin Konietschke haben wir jemand, der primär als Bildhauer bekannt ist. Er führt uns vor, wie die Linie auch zum plastischen Metier das ihre hinzugibt: Von den Einritzungen im „Trompeter“-Relief über die Durchstiche in der Brust des Männertorsos bis zu den fadendünnen Beinchen, die den kastenförmigen Oberkörper und halslosen Kopf seiner Lichtenberg-Porträtstatuette zu tragen haben. Viel weiter gespannt noch ist die Fülle an Linien-Varianten, welche die zahlreichen Arbeiten auf Papier tragen.

Esteban FeketeAuf der Einladungskarte und auf dem Plakat zur gegenwärtigen Ausstellung haben wir eine frühe, noch aus argentinischer Zeit stammende Gouache-Malerei von Esteban Fekete ausgesucht, einerseits, weil Farbe Fernwirkung besitzt, andererseits, weil Linie darin ebenso vorhanden ist, nämlich in der kräftigen Kontur des Gebäudes und der Bäume davor. Kontur um die Figuren regierte lange die Fekete’schen Farbholzschnitte bis er in den achtziger Jahren noch einmal Lust auf Neues bekam und mit einer Art impressionistischer Auflösung der Formen experimentierte. Stilistische Wandlungen durchliefen, verfolgt über die Jahrzehnte, auch seine Zeichnungen.

Held endete mit dem Satz, dass wir den Georg-Lichtenberg-Preis und seine bis dato fünfzehn Träger, die zusammen auch eine „Linie der Schönheit“ verkörpern, wieder stärker ins Bewußtsein des Publikums bringen sollten.